Den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie machten am Dienstag, den 09.06.2026, zwei Zeitzeuginnen der DDR-Geschichte den Schülerinnen und Schülern der Klassen 11 des Beruflichen Gymnasiums der Justus-von-Liebig-Schule anschaulich erlebbar.
Bereits zum zweiten Mal waren die Großmutter unseres Schülers Said Cetinkaya, Petra Geng, und Saids Mutter, Antje Cetinkaya, zu Gast an der Schule, um über eigene Erfahrungen in der DDR und aus den Jahren nach der Wiedervereinigung zu berichten.
Die beiden Frauen, die in den 1960er bzw. in den 1980er Jahren in der DDR geboren sind, berichteten jeweils aus der Perspektive ihrer Generation, wie sie den Alltag in der DDR erlebten.
„Wir hatten eine schöne Jugend“, resümierte Petra Geng. Da sie nichts anderes kannte, habe sie die Mangelwirtschaft nicht als belastend empfunden. Mit der sozialistischen Ideologie sei man großgeworden. Fahnenappelle in der Schule und Wehrübungen in der Jugendorganisation FDJ gehörten zum Alltag.
Trotz aller Unbeschwertheit sei die Gewissheit, dass die Staatssicherheit (Stasi) überall lauere, allgegenwärtig gewesen. Nie konnte man sicher sein, dass nicht Nachbarn, Kollegen, Freunde oder Familienmitglieder heimlich die Stasi mit Informationen über einen selbst versorgten. Auch Petra Geng ist es so ergangen. Ihr Ex-Freund spionierte sie für die Stasi aus.
Hinfahren, wohin man möchte – das ist für uns eine Normalität. Für die Bürger der DDR war es das nicht. Wie schwierig es war, einen kurzen Besuch in West-Deutschland genehmigt zu bekommen, berichtete Frau Geng. Nur durch Beziehungen war eine 10-tägige Ausreise möglich.
Während unsere Schülerinnen und Schüler bereits überlegen, was sie nach dem Schulabschluss werden möchten und ihnen alle Möglichkeiten offenstehen, hatten die jungen Menschen in der DDR nicht diese Chance. Die Zeitzeuginnen berichteten, dass man sich seinen Job nicht aussuchen konnte, sondern nehmen musste, was gerade angeboten wurde. Dass sie selbst ihren Traumberuf Friseurin realisieren konnte, war abermals nur durch Beziehungen, die ihr Vater hatte, möglich, berichtete Frau Geng. Die Ausbildung zur Friseurmeisterin sei ihr aber verwehrt geblieben.
Den Mauerfall und die Wende erlebten die Zeitzeuginnen als eine Zeit der Unsicherheit. Viele Menschen hätten Zukunftsängste gehabt. Der wirtschaftliche Zerfall der DDR habe zu Massenarbeitslosigkeit und damit zu zahlreichen Identitätskrisen geführt. Die Zeitzeuginnen berichteten, dass auch die Selbstmordrate anstieg, da Menschen keine Zukunftsperspektive mehr sahen. Infolge von Abwanderung in den Westen und fehlender Investitionen sei bis heute ein Verfall von ganzen Städten im ehemaligen DDR-Gebiet zu beobachten.
Während des Interviews, bei dem die Zuhörer aktiv eingebunden wurden, stellte sich heraus, dass die DDR-Vergangenheit auch im familiären Gedächtnis anderer Schülerinnen und Schüler aktuell ist. Durch das Interview führten Said Cetinkaya und Geschichtslehrerin Silke Büscher.
Neben den Erzählungen der Zeitzeuginnen machten auch originale Gegenstände und Dokumente aus der DDR, die Said Cetinkaya mitbrachte, die damalige Zeit lebendig: Uniformen, FDJ-Hemden, Pässe, Zeitschriften, Zeitungen, Fotos, Auszüge aus der Stasiakte seiner Familie und vieles mehr, das Said in den letzten Jahren gesammelt hat, brachte er zu Anschauungszwecken mit.

